Eine Gastkolumne über KI und andere Gelegenheiten, sich aus der Affäre zu ziehen
Liebe Leserinnen und Leser
Man kennt sie aus Geschäftsberichten, Sonntagsreden und wohlformulierten Unternehmensleitbildern. Persönlich begegnet man ihr dagegen erstaunlich selten. Besonders dann, wenn es unangenehm wird.
Umso mehr freut es mich, dass wir die Verantwortung für eine Gastkolumne gewinnen konnten. Sie hat einiges zu sagen: über künstliche Intelligenz, die Wahrheit, unsere Daten und die kleinen wie grossen Nebenwirkungen des Fortschritts.
So viel sei verraten: Sie ist keineswegs so humorlos, wie ihr Ruf vermuten lässt. Nur bei Ausreden versteht sie keinen Spass.
Ich wünsche Ihnen gute Unterhaltung und einige Gedanken, die hoffentlich noch etwas nachwirken.
Ihre Marie-Christine Waldburger
Gestatten, Verantwortung.
Sie kennen mich. Die Verantwortung. Zumindest vom Hörensagen.
Ich bin die, die alle gerne übernehmen. Zumindest solange es beim Versprechen bleibt.
In Geschäftsberichten werde ich grossgeschrieben, in Leitbildern prominent platziert und in Sonntagsreden geradezu überschwänglich gewürdigt. Im Ernstfall dagegen geniesse ich ungefähr die Beliebtheit einer unangekündigten Steuerprüfung.
Dabei bin ich ausgesprochen pflegeleicht. Ich verlange weder ein eigenes Büro noch einen Dienstwagen. Nur gelegentlich jemanden, der zu mir steht. Und genau da beginnen gewöhnlich die Schwierigkeiten.
Eine meiner Kolleginnen kennen Sie inzwischen ebenfalls: die künstliche Intelligenz. Ein ausserordentliches Talent. Sie spricht Dutzende Sprachen, schreibt Gedichte, analysiert Verträge und erklärt Quantenphysik so, dass selbst Laien glauben, sie hätten etwas verstanden.
Ich mag sie. Wirklich. Sie ist schnell, fleissig und verfügt über ein Selbstbewusstsein, das man früher ausschliesslich von Unternehmensberatern kannte. Nur eines kann sie nicht: für die Folgen ihrer Ergebnisse geradestehen.
Dazu hätte ich ein paar Anmerkungen.
Die Sache mit der Wahrheit.
Einen wichtigen Vertrag würden wir kaum von jemandem übersetzen lassen, dessen Qualifikation wir nicht kennen. Bei einer KI genügt uns mitunter, dass sie innert Sekunden ein überzeugendes Ergebnis liefert.
Doch überzeugend ist nicht zwangsläufig richtig. Ein einziges Wort kann aus einer Empfehlung eine Verpflichtung machen. Aus einer Möglichkeit eine Gewissheit. Solche Unterschiede sind keine sprachlichen Spitzfindigkeiten. Sie verändern, was Menschen verstehen, erwarten und entscheiden.
Das Tückische daran: KI kann Unsinn mit einer sprachlichen Eleganz vortragen, die jeden Zweifel unhöflich erscheinen lässt.
Nun könnte man sagen: Menschen machen ebenfalls Fehler. Selbstverständlich. Gerade deshalb sind klare Anforderungen und die passende Qualifikation entscheidend. Eine sorgfältige Prüfung der Ergebnisse bleibt in jedem Fall erforderlich – unabhängig davon, ob ein Mensch oder eine Maschine den Text erstellt hat.
Maschinen übersetzen heute teilweise erstaunlich gut. Das macht ihre Ergebnisse wertvoll. Und die Entscheidung darüber, wann wir ihnen vertrauen können, umso anspruchsvoller.
Wer prüft, braucht deshalb mehr als ein Gespür für holprige Formulierungen. Er muss erkennen, was fachlich plausibel ist, welche Bedeutung eine Aussage im jeweiligen Zusammenhang hat und wo Unsicherheiten geklärt werden müssen.
Denn ein Text ist nicht schon deshalb geprüft, weil jemand ihn gelesen und nichts Auffälliges gefunden hat.
Die Sache mit den Geheimnissen.
Unternehmen verschlüsseln Dokumente, schützen Zugänge und verpflichten Mitarbeitende zur Verschwiegenheit. Um anschliessend vertrauliche Informationen in das nächstbeste KI-Eingabefeld zu kopieren.
Das ist ungefähr so, als würde man seine Haustür dreifach verriegeln und den Schlüssel dann draussen stecken lassen.
Das Problem ist die Sorglosigkeit, mit der wir einem System bisweilen Dinge anvertrauen, die wir nicht einmal mit guten Bekannten teilen würden.
Ja, es gibt KI-Lösungen mit klar geregelter Datenverarbeitung, geeigneten Schutzmassnahmen und vertraglichen Zusicherungen. Nur muss man wissen, welche. Und ob diese Zusicherungen zum jeweiligen Auftrag passen.
Gerade bei Übersetzungen geht es schliesslich oft um Verträge, medizinische Berichte, interne Strategiepapiere, Geschäftsgeheimnisse und persönliche Daten. Wer solche Texte verarbeitet, erhält Einblicke in Unternehmen und in die privaten Lebensumstände von Menschen.
Die Vertraulichkeit dieser Informationen darf nicht davon abhängen, welches Werkzeug gerade besonders bequem erreichbar ist.
Ich, die Verantwortung, empfehle deshalb, mich bereits vor der Verarbeitung hinzuzuziehen. Hinterher kann ich gewöhnlich nur noch bei der Aufarbeitung helfen.
Die Sache mit den Menschen.
Meine Kollegin KI arbeitet unermüdlich Tag und Nacht, braucht weder Ferien noch Kaffeepausen, ist nie krank und hat noch nie um eine Lohnerhöhung gebeten. Manche betrachten sie deshalb als ideale Mitarbeiterin. Was vermutlich mehr über ihre Vorstellungen von Mitarbeitenden aussagt als über die Fähigkeiten der KI.
Ich habe nichts dagegen, wenn Maschinen uns Arbeit abnehmen. Nur sollte man genauer hinsehen, welche Arbeit dadurch wegfällt und welche neu entsteht.
Ein maschinell erstellter Text kann in Sekunden vorliegen. Seine verlässliche Beurteilung verlangt weiterhin Fachwissen, Sprachgefühl und die Fähigkeit, eine überzeugende Formulierung infrage zu stellen. Unter Umständen muss man dazu in mehreren Sprachen und einem anspruchsvollen Fachgebiet zu Hause sein.
Wer diese Prüfung als rasche Restarbeit kalkuliert, hat ihren Zweck möglicherweise noch nicht verstanden.
In der Sprachbranche verändern sich Aufgaben und Berufsbilder. Das verlangt neue Kompetenzen. Und Unternehmen, die bereit sind, in diese Kompetenzen zu investieren, statt ausschliesslich auf die Zahl der eingesparten Arbeitsstunden zu blicken.
Auch die Ausbildung verdient Aufmerksamkeit: Wo sollen Nachwuchskräfte das Urteilsvermögen erwerben, das wir später von ihnen erwarten, wenn wir ihnen immer weniger Gelegenheit geben, es aufzubauen?
Ob neue Perspektiven entstehen, entscheiden Menschen. Algorithmen führen keine Mitarbeitergespräche.
Die Sache mit der Umwelt.
Früher hiess es, Worte seien Schall und Rauch. Heute benötigen sie Rechenzentren, Strom und Kühlung.
Ein Klick, und die KI formuliert einen Satz neu. Noch einen. Etwas freundlicher. Etwas kürzer. Mit mehr Gefühl. Ohne Adjektive. Vielleicht doch wieder mit Adjektiven.
Es kostet ja nichts. Zumindest fühlt es sich so an.
Der Aufwand bleibt unsichtbar. Auf dem Schreibtisch steht kein Stromzähler, der bei jeder Anfrage nervös zuckt. Und wie viel Energie und Wasser tatsächlich benötigt werden, hängt unter anderem vom Modell, von der Aufgabe und vom Rechenzentrum ab.
Das entbindet uns nicht von der Frage, welcher Einsatz sinnvoll ist. Gerade wenn eine Technologie millionenfach genutzt wird, verlangt auch jede einzelne Anwendung Urteilskraft.
Nicht jeder Zweizeiler braucht ein Hochleistungsmodell. Manchmal braucht er einfach jemanden, der weiss, was er sagen möchte.
Effizienz beginnt mitunter schon vor dem ersten Prompt.
Die Sache mit mir.
Ich, die Verantwortung, möchte eines klarstellen: Ich bin nicht gegen künstliche Intelligenz. Ich bin auch nicht gegen Automatisierung, Digitalisierung oder sonstige Errungenschaften, deren Namen bevorzugt auf «-isierung» enden.
Ich möchte nur gerne wissen, wer die Entscheidungen trifft.
Wer legt fest, welche Qualität ein Text braucht? Wer beurteilt, ob ein System für vertrauliche Inhalte geeignet ist? Wer sorgt dafür, dass die Menschen, die Ergebnisse prüfen sollen, dafür qualifiziert sind und ausreichend Zeit erhalten?
Je mehr Aufgaben wir an intelligente Systeme abgeben, desto wichtiger werden diese Fragen. Verantwortung verschwindet nicht, wenn wir eine Aufgabe delegieren. Sie wechselt auch nicht automatisch den Besitzer.
Das ist der Punkt, an dem ich bei Sprachdienstleistern ins Spiel komme. Professionelle Spracharbeit verlangt fachliches Verständnis, sprachliches Urteilsvermögen und Sorgfalt im Umgang mit anvertrauten Informationen.
Die passende Arbeitsweise richtet sich nach dem Text und seinem Verwendungszweck. Eine interne Orientierungshilfe braucht eine andere Bearbeitung als ein veröffentlichter Fachtext. Diese Entscheidung bewusst zu treffen, gehört ebenso zur professionellen Spracharbeit wie das Übersetzen selbst.
Das klingt wenig spektakulär. Verantwortung macht selten Schlagzeilen, wenn sie ihren Job ordentlich erledigt.
Ich, die Verantwortung, werde jedenfalls bleiben. Die Zusammenarbeit mit meiner neuen Kollegin verspricht interessant zu werden.
Vorausgesetzt, man bezieht mich weiterhin von Anfang an ein. Und nicht erst zur Erklärung, weshalb etwas schiefgegangen ist.
Mit freundlichen Grüssen
Ihre Verantwortung.